1. September 2010
Wenn schon Handy, dann richtig!
Passend zum Schulanfang und damit zur in vielen Familien anstehenden Diskussion, ob das Volksschulkind ein Handy bekommen soll, haben die OÖ Nachrichten einen kleinen Leitfaden zusammengestellt, wie man das Thema angehen sollte:
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Sehr geehrte Frau Doll,
ja, es ist richtig, dass die meisten Eltern „froh“ sind, wenn sie endlich eine Diagnose für ihr Kind erhalten, für ein Verhalten, das Sie sich bislang nicht erklären konnten und wo oft genug „Erziehungsmängel“ von Außenstehenden den Eltern vorgeworfen werden.
Ganz wesentlich für eine Diagnose ist allerdings nicht nur eine ärztliche, sondern auch psychologische, ergotherapeutische und pädagogische Untersuchung, abgesehen davon, dass das Verhalten des Kindes nicht nur in Schule ODER Elternhaus, sondern sich unabhängig davon immer wieder und über einen langen Zeitraum darstellt. Ausgeschlossen müssen daher auch andere Faktoren wie Probleme durch Scheidung, Trennung, Misshandlung, Legasthenie, Schilddrüsenprobleme etc. werden.
Wenn all diese Untersuchungen und Schule wie Elternhaus wie auch aus ergotherapeutischer Sicht der Meinung sind, dass es auch mit therapeutischen und erzieherischen Methoden nicht in Griff zu bekommen ist und das Kind auf Grund seines Verhaltens sich ausgrenzt oder ausgegrenzt wird oder div. Schulwechsel drohen, dann ist es wahrscheinlich angezeigt, dass man auch medikamentöse Behandlung ins Auge fasst. Wohlgemerkt – erst wenn alle anderen Behandlungen und Therapien und das geänderte Verhalten der Eltern (Elterntraining) nichts bewirken.
Es gibt immer wieder Experten wie Prof. Hüther oder andere, die strikt gegen die Diagnose ADHS auftreten. Es gibt auch jede Menge alternative Therapien, begonnen von Diäten über Homöopathie bis hin zur Lichttherapie oder Erklärungen, dass die Kinder von einem anderen Stern kommen, oder die das Phänomen überhaupt leugnen und andere Behandlungen vorschlagen. Manche Eltern schwören darauf, vor allem dann, wenn es sich bei ihren Kindern um Grenzfälle handelt. Denn AD(H)S ist nicht gleich AD(H)S und man kann sich das auf einem Kontinuum vorstellen.
Abgesehen davon gab es das Phänomen früher tatsächlich auch schon, es wurde als „Entwicklungsverzögerung“ , minimal brain dysfunction“ u.v.a. eingeordnet. Es ist also nicht neu und es gibt es in allen Kulturen.
Ebenso gibt es Psychotherapeuten, die sich gegen den Krankheitsbegriff aussprechen und es gibt mehr als genug Bücher am Markt, die sich dagegen aussprechen. Der meiste Vorwurf ist, dass es sich um ein „Konstrukt“ handelt. So gesehen ist jede Beschreibung (Diagnose) einer Krankheit ein „Konstrukt“, denn dieser Begriff stammt aus der Systemtheorie. Psychoanalyse und psychoanalytische Spieltherapie ist bei ADHS ebenso wirkungslos wie Familientherapie, hilft aber sicher bei Familien mit Kindern, die nur wenig Zeichen von AD(H)S aufweisen. Es ist bei ADHS nämlich vorwiegend Verhaltenstherapie bzw. vor allem Ergotherapie wirksam, wie sich in div. Studien herausgestellt hat.
Daher werden seriöse Ärzte, Psychologen und Ergotherapeuten nicht nur auf die Situation des Kindes sondern auch die Situation der Eltern und der Schule in ihrer Diagnose berücksichtigen und mit größter Verantwortung die richtige Therapie, die in den meisten Fällen zuerst wohl aus Elternberatung, Ergotherapie und Verhaltenstherapie bestehen wird, vornehmen. Erst wenn all dies nicht erfolgreich ist oder die Situation schon so zugespitzt, wird auf eine medikamentöse Therapie verwiesen, wobei es heute verschiedenste gibt, die entweder am Dopamin- oder am Serotoninstoffwechsel ansetzt. Jedes Kind mit tatsächlicher AD(H)S ist dankbar, wenn es merkt, dass seine Anstrengungen ENDLICH Erfolg haben. Bereits nach einer halben Stunde ist eine wesentliche Verbesserung des Schriftbildes und der wesentlichen Abnahme der Fehler zu verzeichnen. Bei anderen Medikamenten gibt es eine Vorlaufzeit von etwa 3 Wochen.
Eltern versuchen immer wieder, alles Mögliche VORHER auszuprobieren, bis vor kurzem dauerte es noch ca. 7 Jahre, bis eine Diagnose und entsprechend wirksame Behandlung erfolgte. Heute geht es wesentlich rascher.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Grimmlinger