Eltern und Kinder unter Druck: Die Familientherapeutin und Autorin Felicitas Römer beobachtet seit Jahren, dass Stress, Unsicherheit und Zukunftssorgen in Familien zunehmen. Doch warum eigentlich? Sind heutige Eltern etwa unfähig, ihre Kinder zu erziehen? Keineswegs, sagt sie. Im Gegenteil. Eltern wissen sehr genau, was von ihnen erwartet wird, und wollen alle Ansprüche möglichst gut erfüllen. Diese sind hoch und diffus. Denn Politik und Wirtschaft haben einen größeren Einfluss auf unser Familienleben, als wir gemeinhin annehmen. Ein Auszug aus ihrem aktuellen Buch „Arme Superkinder. Wie unsere Kinder der Wirtschaft geopfert werden“:
„Es geht heute schließlich um mehr, als „nur“ um eine gesunde Entwicklung oder um die Überlebensfähigkeit unserer Kinder. Es geht ja darum, sie so zu stärken, dass sie nicht untergehen um Wettbewerb um Erfolg, Geld und einen guten Job. So hat die Vorwerk Familienstudie 2006 ergeben, dass im ‚Sorgenkatalog der Eltern‘ die Ängste und die Schulbildung, Ausbildung und Berufsfindung der Kinder an erster Stelle stehen. … Eltern haben nachweislich mehr Angst, dass ihr Kind beruflich keinen Tritt fassen könnte, als dass ihm ein Unglück widerfahren könnte. Welch ein Druck lastet da auf den elterlichen Schultern! Und wie folgerichtig der Gedanke, das Kind so schnell wie möglich ‚stark‘ und ‚schlau‘ zu machen. …
Komprimiert und optimiert: In Siebenmeilenstiefeln durch die Kindheit
Es ist ein gesamtgesellschaftlicher Trend, der sich hier zeigt. Der Zugriff auf unsere Kinder durch Politik und Wirtschaft hat längst begonnen, und Staat und Gesellschaft nehmen Eltern in diesem Prozess hemmungslos in die Pflicht.
Kinder werden rar. Und umso kostbarer. Gesellschaft und Wirtschaft brauchen sie mehr denn je. Wer soll sonst unsere Renten bezahlen und unsere Volkswirtschaft retten? Deshalb wird das Kind, respektive seine Entwicklung und Leistungsfähigkeit, stärker in den gesellschaftlichen und politischen Blick genommen. Es rückt in den Fokus, wird permanent beäugt und kontrolliert, auf dass es sich möglichst gut entwickeln und die Erwartungen der Leistungsgesellschaft möglichst perfekt erfüllen möge.
Der demografische Wandel fordert seinen Tribut, die alternde Gesellschaft braucht junge Leistungsträger. Das Kölner Forschungsinstitut für Bildungs- Und Sozialökonomie fasst das Dilemma in einem Bericht „Zum volkswirtschaftlichen Schaden der unzureichenden vorschulischen Förderung in Deutschland“ folgendermaßen zusammen: ‚Dem steigenden Bedarf an hoch qualifizierten Arbeitskräften steht ein tendenziell sinkendes Potenzial an Kinder und Jugendlichen gegenüber, die ‚quasi sui generis‘ diesen steigenden Anforderungen entsprechen dürften.‘ Eine der zwölf Schlussfolgerungen, die der Autor zieht: Investitionen in frühkindliche Bildung lohnen sich, auch pekuniär. Eine andere: „Insgesamt muss die Verweildauer im Bildungssystem erheblich verkürzt werden, ohne die Qualität zu verringern.“
Weil wir sparen müssen und damit Deutschlands Wirtschaft konkurrenzfähig bleiben kann, müssen sich unsere Kinder in ihrer Entwicklung gefälligst ein bisschen beeilen. So einfach ist das. In diesem Prozess der Entwicklungsbeschleunigung und Leistungsmaximierung sind unsere Kinder schon längst Opfer der wirtschaftlichen Globalisierungskräfte geworden.“
Felicitas Römer: Arme Superkinder, Wie unsere Kinder der Wirtschaft geopfert werden, Beltz 2011
http://www.beltz.de/de/sachbuch/beltz-sachbuch/titel/arme-superkinder.html

Eveline Doll
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