Im Wald für´s Leben lernen

In einem Waldkindergarten sind die Kinder fast den ganzen Tag im Freien – im Sommer wie im Winter. Diese Erfahrung prägt, wie eine Studie einer deutschen Forscherin zeigt. Auch Jahre danach sind die Kinder geschickter und aufmerksamer.

Wenn Kinder in einen Waldkindergarten kommen, dann haben sie in den ersten Wochen oft aufgeschundene Knie und blaue Flecken auf den Schienbeinen. „Dann stürzen sie über eine Wurzel oder einen Stein, das haben Pädagoginnen aus den Waldkindergärten immer wieder erzählt“, sagt Silvia Schäffer vom Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Universität Bonn.

Für ihre Forschungsarbeit hat sie 13 Waldkindergärten und 20 Volksschulen besucht, in die frühere „Waldkinder“ gewechselt haben. Insgesamt konnte sie dadurch 100 Kinder aus Waldkindergärten mit 250 Kindern aus so genannten Regelkindergärten vergleichen, verwendet hat sie dazu standardisierte Tests, die auch bei der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland eingesetzt werden.

Stürzen hat Sinn

Eines der auffälligsten Ergebnisse betraf die Motorik. Das anfängliche Stürzen der Kinder hat einen Sinn, denn es schult Koordinationsfähigkeit und Beweglichkeit. Mit der Zeit gelinge es den Kindern immer besser, über Bäume zu balancieren und trotz unebenen Bodens und Wurzeln nicht zu stolpern. „Durch die verschiedenen Untergründe sind die Kinder in ihrer Motorik sehr geschult“, so die Forscherin. Sie konnten etwa beim Test deutlich besser rückwärts über einen Holzbalken balancieren.

Besonders haben laut der Studie von Silvia Schäffer die Mädchen von der Zeit im Waldkindergarten profitiert. „Dort spielt das kleinste Mädchen mit den größten Burschen, vieles wird in der Großgruppe gemacht.“ Eine Aufteilung der Kinder in Mädchen, die drinnen basteln und malen, und Buben, die draußen laufen und springen, ist im Waldkindergarten schon vom Konzept her nicht möglich. Und auch die äußerlichen Unterschiede verschwinden: „In Matschhosen sehen alle Kinder ähnlich aus.“ Laut Entwicklungspsychologie verfestigen sich Verhaltensweisen im Alter zwischen drei und fünf Jahren – also genau in der Kindergartenzeit. Dass Mädchen auch auf Bäume klettern und Häuser aus Ästen bauen, das finden die Kinder auch in der Volksschulzeit noch selbstverständlich.

Organisieren wird trainiert

Noch zwei Besonderheiten haben sich in der Studie von Silvia Schäffer gezeigt: Ehemalige „Waldkinder“ können sich sehr gut organisieren. „Was man im Wald verliert, ist für immer weg. Deshalb müssen die Kinder schon früh lernen, alles wieder einzupacken, was sie ausgepackt haben“, so die Studienautorin. Und: „Weil die Kinder sich körperlich auspowern können, können sie in Situationen, in denen Zuhören erforderlich ist, sehr gut zuhören.“

Derzeit gehen vor allem Kinder aus sozial besser gestellten Familien in Waldkindergärten. Eigentlich sollte diese spezielle Art der Pädagogik – zumindest in Elementen wie regelmäßigen Waldtagen – jedem Kind offen stehen, so die Forscherin.

Elke Ziegler, Ö1 Wissenschaft

http://science.orf.at/stories/2845285/

Schreiben Sie ein Kommentar, oder trackback von Ihrer eigenen Seite.

1 Kommentar zu “Im Wald für´s Leben lernen”

  1. Rudolf A. Marsch sagt:

    Genauso ist es! Spielend für das Leben lernen. Aufmerksamkeits Defizite der Kinder in den VS nimmt rasant zu! Sie können nicht mehr richtig Zuhören was gesagt wird. Also weg vom stundenlangen PC und raus in die Natur

Schreiben Sie ein Kommentar