Hirnforschung – Wie lernen Kinder?

Prof.Dr.Gerald Hüther

Warum sind die ersten Lebensjahre so entscheidend für später?

In dieser ersten Zeit tragen Kinder ihr gesamtes Rüstzeug für das weitere Leben zusammen.
Wie auf einer Baustelle hängt die Stabilität ganz entscheidend vom Fundament ab.
Damit Kinder zu selbstständigen Persönlichkeiten heranreifen, müssen sie bestimmte Fähigkeiten
entwickeln. Dazu zählen in erster Linie Vertrauen und Hilfsbereitschaft, Gestaltungsfreude
und Begeisterungsfähigkeit. Eltern können ihre Kinder beim Schaffen dieser elementaren Grundlagen
unterstützen. Jedes Kind kommt mit einer unglaublichen Lust am eigenen Entdecken und Gestalten
zur Welt. Nie wieder ist es so neugierig darauf, das Leben kennen zu lernen wie in seiner frühen
Kindheit. Diese unglaubliche Offenheit der Kinder ist der eigentliche Schatz der frühen Kindheit,
den wir wieder bewusster wahrnehmen und hüten müssen.

Wie kann dies in Zukunft gelingen?

Bisher war es üblich, Kindern möglichst früh Sachwissen beizubringen. Doch die moderne Hirnforschung weiß es nun besser: Bildungsprozesse lassen sich nicht von außen
in ein kindliches Hirn hineingestalten, zentrale persönliche Fähigkeiten wie Motivation, Selbstkontrolle und Empathie lassen sich nicht unterrichten. Stattdessen müssen Eltern und Erzieher Kindern Erfahrungsräume bieten, in denen sie sich selbst bilden und an sich selbst erfahren können.
Für ein funktionierendes Selbstwirksamkeitskonzept ist dies enorm wichtig.
Leider neigen wir dazu, Kindern alles fix und fertig vorzusetzen. Ein Beispiel: Ein Kind findet einen
Käfer und zeigt ihn voller Stolz dem Vater. Brüstet sich dieser mit seinem gesamten Käferwissen,
so erstickt er damit die Neugierde und die Begeisterung seines Nachwuchses. Hält der Vater jedoch
sein Wissen zurück und schickt den ambitionierten Forscher zur Recherche ans Bücherregal, so ist
das regelrechtes Kraftfutter für kleine Entdecker. Eltern haben die Aufgabe, Kinder zu ermutigen,
zu inspirieren und sie dafür zu begeistern, Gestalter ihrer kleinen eigenen Lebenswelt zu werden –
jeden Tag aufs Neue.

Was passiert dabei im Gehirn?

Kindergehirne sind weitaus formbarer als bisher angenommen. Zunächst werden riesige Überschüsse
an synaptischen Vernetzungsoptionen zur Verfügung gestellt. Die Hirnforschung hat herausgefunden,
dass die Zahl der Nervenzellkontakte bis zum sechsten Lebensjahr so groß ist wie nie wieder
im späteren Leben. Von diesem Überangebot bleiben all jene Verbindungen erhalten, die durch
individuelle Erfahrungen intensiv genutzt werden. Bis zum sechsten Lebensjahr ist die Anzahl
der Nervenzellkontakte so groß wie niemals wieder im späteren Leben.
Danach verkümmern all jene Kontakte, die nicht benutzt wurden.
Eigene Erfahrungen haben einen immensen Einfluss auf die Verschaltungen zwischen den
Nervenzellen. Kinder sollten deshalb in ihrer ersten Zeit möglichst viele unterschiedliche
Wahrnehmungen machen. Dazu gehört das ausgelassene Toben mit dem Vater, das erste
selbstgekochte Apfelmus und der Sturz vom Kletterbaum. Jedes einzelne Erlebnis wird dabei im Hirn
nicht nur gespeichert, sondern auch miteinander verbunden. Dabei wird alles, was irgendwie unter die
Haut geht, also mit Begeisterung geübt oder erlernt wird, viel besser im Hirn verankert als lustlos
auswendig gelerntes Wissen. Lernen und Gefühl sind eng miteinander verknüpft.
Kinder so früh wie möglich in Förderkursen Wissen zu vermitteln liegt voll im Trend.

Wie beurteilen Sie dies aus Sicht der Hirnforschung?

Momentan besteht die Tendenz, Kindern in Förderprogrammen immer früher immer mehr Wissen
beizubringen. Doch die bloße Anhäufung von Sachwissen reicht nicht mehr, um im Leben neue
Herausforderungen anzunehmen und sich Problemen zu stellen. Kinder brauchen mehr:
nämlich in erster Linie die Fähigkeit, sich Wissen nutzbar zu machen um dadurch wieder neues
Wissen hervorzubringen.
Aufgrund des riesigen Angebots an Verschaltungen der Nervenzellen können Kinder in ihrer ersten
Lebensphase so ziemlich alles lernen. Eltern, die eine Frühforderung für sinnvoll halten, können ihrem
Kind das Lesen, eine Fremdsprache oder ähnliches beibringen – falls es Lust hat, dabei mitzuspielen.
Denn nur dann formen sich in seinem Gehirn vielfältige Verschaltungsmuster heraus.
Finden Kinder in einem Lernangebot jedoch keinen kreativen Freiraum, so erreichen Eltern mit dieser
gut gemeinten Maßnahme nur das Gegenteil. Nichts bleibt hängen, weil das Gehirn blockiert.
Solchen Kindern fällt es immer schwerer, sich auf Neues einzulassen.
Der Lerneffekt in selbstgewählten Beschäftigungen ist um ein vielfaches höher. Beobachten Eltern
ihre Kinder, werden sie schnell feststellen, dass ihr Nachwuchs hohe Anforderungen an sich stellt
und die Meßlatte von selbst immer höher legt.

Was müssen Kinder denn in dieser frühen Phase der Kindheit tatsächlich lernen?

Fähigkeiten wie vorausschauend zu denken, komplexe Probleme zu durchschauen und seine eigenen
inneren Impulse zu steuern können nicht per Bildungsplan verordnet werden. Nur unmittelbare,
mit Leib und Seele gemachte Erfahrungen stoßen im Gehirn die wichtigen Lernprozesse an.
Nur so können Kinder all das zur Entfaltung bringen, was sie in Zukunft brauchen: Innovationsgeist
und Kreativität bei der Suche nach neuen Lösungen. Motivation und Einsatzbereitschaft bei der
Umsetzung guter Ideen, gepaart mit Durchhaltevermögen und Zuversicht.
Und etwas Umsicht und Geduld, weil nicht alles, was sie versuchen, auch auf Anhieb gelingt.
Sind sie sich ihrer Selbstwirksamkeit erst einmal bewusst, ist später auch das Aneignen
und Umsetzen von Sachwissen kein Problem.

Eltern sind heute oft unsicher, wenn es um Erziehung geht.
Was raten Sie jungen Eltern?

Der Druck auf Eltern ist hoch. Viele haben in ihrem Leben schon die Erfahrung gemacht:
wer keine optimalen Startbedingungen hat, bleibt auf der Strecke. Deshalb versuchen Eltern möglichst
früh, ihr Kind zielgerichtet nach ihren Vorstellungen zu fördern. Völlig aus dem Blickfeld gerät dabei,
was wirklich zählt, damit Kinder zu kompetenten und starken Persönlichkeiten werden.
Erziehung bedeutet, Kindern Aufgaben anzubieten, an denen sie wachsen und für die sie sich
begeistern können. Als verlässlichen Rückhalt brauchen Kinder Eltern, die sie bedingungslos lieben
und sie gerade in schwierigen Situationen ermutigen.
Da ist es manchmal hilfreich, sich an prägende Erlebnisse aus der eigenen Kindheit zu erinnern,
die man nicht missen möchte. Dazu gehört nicht, mit zwei Jahren schon Englisch gelernt,
als Vierjähriger naturwissenschaftliche Experimente im Kindergarten gemacht zu haben und bereits
mit fünf Jahren eingeschult worden zu sein. Vielmehr sind es die stark machenden Erlebnisse,
die wir unseren eigenen Kindern größtenteils vorenthalten. Wir packen ihnen den Rucksack
fürs Leben, ohne darauf zu achten, ob der Inhalt überhaupt brauchbar ist.

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