9. Oktober 2011

Selbst gewählte Bewegung mit etwas Nervenkitzel - das beste Gehirndoping für die Kleinen.
Ein Feuerwerk an klugen, witzigen, innovativen und wertvollen Informationen für Eltern und Pädagogen gab es diesen Sonntag in Bad Ischl beim ersten Jako-o Familienkongress in Österreich.
Vom Trotzalter bis zur Pubertät, von der Verwöhnfalle bis zum Umgang mit Computern – DIE wesentlichen Erziehungsthemen wurden behandelt. Für die Kinder-Lobby besonders beeindruckend, da zu 100 Prozent mit unseren Thesen und Forderungen übereinstimmend: der Vortrag von Dieter Breithecker, Leiter der deutschen “Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltung- und Bewegungsförderung”. Unter dem Motto “Bewegung beeinflußt Das Denken” wurde klar, wie sehr von den Kindern frei gewählte Bewegung zur Gehirnentwicklung und neuronalen Vernetzung beiträgt.
“Die Kinder machen zu viele Erfahrungen aus zweiter Hand, vor Fernseher oder Computer, nur mit dem Auge oder dem Ohr”, so Breithecker. “Das ist einseitige sensorische Kost, Motorik, Gleichgewicht, Tastsinn bleiben unterfordert – genau das, was das Gehirn in einen Aktivzustand bringt. Bewegung ist das Medium, das die geistigen Prozesse rhythmisiert.”
Auf die ersten Jahre kommt es an!
“Das Gehirn ist nicht zum Befolgen von Instruktionen und Anweisungen da, sondern es ist zum Lösen von Problemen gedacht!” Genau dazu braucht es gespürte Erfahrungen, vor allem in der Kindergarten- und Volksschulzeit. Das bedeutet nicht das behütete, vorgegebene Herumsteigen auf Spielplatz-Geräten, sondern die selbstgewählte Herausforderung eines Baumes, eines Baumstammes, oder einfach Herumtollen in freier Natur. “Eine Bewegung ohne Wagnis- oder Grenzerfahrung ist viel weniger wert für die Entwicklung eines Kindes als eine Bewegung mit Risiko”, so Breithecker. So entstehen auch Kernkompetenzen wie Selbstbewußtsein, Selbstwertgefühl und Risikobewußtsein. “Wer seine Grenzen nicht auslotet, wird niemals wissen wo sie liegen.” Und “Kinder wollen sich freiwillig lustvoll schinden um sich weiter zu entwickeln – die Erwachsenen müssen die Rahmenbedingungen dafür schaffen.”
Dr. Dieter Breithecker zum Thema Bewegung und Bildung:
Welcher Zusammenhang besteht zwischen Bewegung und Bildung?
Menschen haben bekannterweise Grundbedürfnisse wie Trinken, Essen und
Schlafen. Aber auch die Bewegung gehört dazu. Ohne Bewegung ist kein
Leben möglich. Allerdings ist Bewegung auch mehr als Sport. Es reicht also
nicht, wenn mein Kind einmal die Woche zum Fußball spielen geht.
Wichtige Bewegungen sind Klettern, Springen, Balancieren, Matschen, in
Pfützen treten, mit anderen toben und raufen. Dies sind alles Tätigkeiten, mit
denen ein Kind sich selbst ausprobiert und seine Umwelt erkundet. Es sammelt
so komplexe Erfahrungen, die wichtig und grundlegend für die körperlichen und
geistigen Entwicklungsprozesse sind. Diese Erfahrungen und die daraus
gewonnenen Erkenntnisse sind konkret. Auf dieser Basis werden abstrakte
Zusammenhänge verständlicher. Beispielsweise macht ein Kind, wenn es auf
einem Baumstamm balanciert, seine Erfahrungen mit der Schwerkraft. Diese
spielerisch erworbene Erkenntnis ist die Grundlage, um beispielsweise
physikalische Gesetzmäßigkeiten wie die Gravitationsgesetze besser zu
verstehen.
Wissenschaftlich gesehen gibt es keinen unmittelbaren Zusammenhang, dass
Bewegung schlau macht. Aber was bewiesen ist: Sich bewegen ist schlau.
Komplexe Bewegungen vermitteln grundlegende Einsichten und Erkenntnisse.
Darüber hinaus wird das heranwachsende Gehirn in seiner Entwicklung optimal
unterstützt. Anlagen werden besser ausgebildet und die Voraussetzungen für
das Lernen sind somit optimiert.
Wieso ist Bewegung für die Entwicklung des Menschen so wichtig?
Ein Mensch braucht neben einer gesunden biologischen Entwicklung auch gewisse
Kernkompetenzen wie Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, soziale
Kompetenz und auch Risikobereitschaft. Diese Eigenschaften erwirbt man am
besten in der in Interaktion mit seiner Umwelt und auch in Bewegungsformen,
die durchaus potentiell risikobehaftet sind.
Aber: Wo dürfen Kinder heute noch ein Risiko eingehen? Eigentlich haben
Kinder von Natur aus den Drang, grenzwertige Erfahrungen zu machen.
Bewegung muss unter die Haut gehen. Wenn ein Kind auf einen Baum klettert,
geht es ein überschaubares Wagnis ein. Das Kind muss planen, organisieren
und seine Fähigkeiten gekonnt einsetzen, um das Ziel zu erreichen. Diese
angegangene „Problemlösung“ hat einerseits einen positiven Effekt auf einen
wichtigen Teil des Gehirns, den Frontallappen, der für geplantes, organisiertes
und strukturiertes Handeln zuständig ist. Andererseits wird beim erfolgreichen
Abschluss das Gefühl gestärkt, etwas geschafft zu haben. Kompetenzen wie
Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Risikobereitschaft und
Selbstsicherungsfähigkeit erhalten dadurch ihre Grundlage. Bewegung fördert
die körperliche, geistige und seelisch-emotionale Entwicklung.
Wie entfaltet sich der natürliche Bewegungsdrang meines Kindes am
besten?
Die Bedeutung der Bewegung für die körperlichen, geistigen und psychischen
Entwicklungsprozesse hat ihren Ursprung in der Entwicklungsgeschichte.
Streng genommen tragen wir noch die Gene des Steinzeitmenschen in uns.
Damit Kinder sich harmonisch entwickeln können, müssen sie ihr genetisch
angelegtes Bewegungsbedürfnis in einer bewegungsanregenden Umwelt
ausleben.
Am besten bewegen sich Kinder in der Natur, Spielplätze unterfordern Kinder
meist. Aber auch in einer Großstadt finden Kinder einen Weg, sich zu bewegen:
Sie hüpfen und springen in phantasievoller Weise den Bordstein entlang oder
klettern im Park an Bäumen und Denkmälern hoch.
Um die Bewegungsfreude der Kinder zu fördern, sind bereits die ersten
Lebensjahre entscheidend – also noch vor der Kita. Eltern sollten dafür sorgen,
dass Kontakte zu anderen Kindern möglich sind und sie ihr Kind nicht
überbehüten, weil dies entwicklungshemmend wirkt. Es liegt aber auch in den
Händen von Sportlehrern und Erziehern, den Bewegungsraum oder die
Sporthalle so zu gestalten, dass die Kinder komplex gefordert werden –
beispielsweise in Form eines Bewegungsgartens.
Mein Kind benimmt sich wie ein lebendig gewordener Flummy und kann
nicht eine Minute ruhig sitzen oder sich konzentrieren. Was raten Sie?
Was immer wieder vergessen wird: Ein Grundschulkind kann nicht länger als
fünf Minuten still sitzen, dann beginnt es unruhig zu werden und fängt an zu
kippeln oder rumzuhampeln. Gerade in diesem Alter laufen noch viele
Reifungsprozesse ab. Pro Sekunde entstehen beispielsweise im Gehirn
30.000 Netzwerk-verbindungen auf einem Quadratzentimeter, die überleben
nur durch Aktivitäten.
Den Erwachsenen muss bewusst werden, dass Kinder von heute viel zu viel
Zeit in geschlossenen Räumen verbringen und zu lange vor Computer und
Fernsehen sitzen. Da staut sich sehr viel Bewegungsdrang auf, der irgendwann
explodiert. Die Kinderwelt ist immer noch eine Bewegungswelt, für die wir
sorgen müssen.
Zur Person: Dr. Dieter Breithecker
Sportwissenschaftler Dr. Dieter Breithecker ist Leiter der
„Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung
e. V.“ und Berater der Bewegungsgruppe im JAKO-O Katalog. Dr.
Breithecker ist Vater von drei Kindern.