Pädagogik

Franz  Spiesberger ist Direktor der Nikolaus Lenau-Schule in Gmunden und Leiter des Sonderpädagogischen Zentrums in Gmunden. Er ist zudem Mitarbeiter der Stabstelle Pädagogik am Landesschulrat OÖ, die sich gerade mit der Neuen Mittelschule beschäftigt, und Mitarbeiter einer Tiefenentwicklungsgruppe im Unterrichtsministerium, die sich mit neuem Unterricht befasst. Außerdem steht er als Obmann der Heilpädagogischen Gesellschaft Oberösterreich vor.

Franz Spiesberger sind mehrere Themen ein großes Anliegen:

Kinder sollen in unserer veränderten Welt anders aufwachsen können, als wie es momentan vielfach zu Hause, in vielen  Kindergärten und Schulen üblich ist

Keine Ausgrenzung von Kindern – es ist wichtig, dass körperlich, geistig und sozial behinderten junge Menschen gemeinsam miteinander aufwachsen und so die inklusive Gesellschaft von morgen bilden

Ich freue mich in einer Gruppe mitzuarbeiten, denen die Kinder und ihre Welt ein Anliegen sind und wo nicht nur geredet wird, sondern die Öffentlichkeit darauf  aufmerksam gemacht wird, dass sich etwas ändern muss, denn

Wo käme man hin, wenn alle sagten,

wo käme man hin, und keiner ginge,

um nachzuschauen, wohin man käme

wenn man ginge.

Es sind die Visionen, die begeistern und so liegt es auch an uns, Aufmerksamkeit und Sehnsüchte zu wecken, um das Aufwachsen der Kinder zu verändern, bzw. jene zu stärken, die es heute schon tun!

Wenn du ein Schiff bauen willst,

so trommle nicht Männer zusammen,

um Holz zu beschaffen,

Werkzeuge vorzubereiten,

Aufgaben zu vergeben,

um die Arbeit zu erleichtern,

sondern wecke in deinen Leuten die Sehnsucht

nach dem endlosen weiten Meer.

Alles ist im Fluss, unser Leben hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend geändert. Es gibt heute kaum mehr Großfamilien mit mehreren Kindern, unterschiedlichen Erziehungspersonen, lebenslangen Ehen und Müttern, die größtenteils zuhause sind.

Realität ist die Ein- bzw. Zweikindfamilie. Beinahe 50% der Ehen werden geschieden, die durchschnittliche Dauer einer Ehe in Österreich beträgt 7 Jahre, die Zahl der  Alleinerzieherinnen und Alleinerzieher steigt, die Armut wächst und sie ist weiblich und betrifft immer mehr Kinder.

Zunehmend begegnen wir an Schulen Kindern, deren Sozialisation mangelnde Gemein­­schaftsfähigkeit aufweist und Kindern, die keine Grenzen kennen, weil alle ihre Wünsche erfüllt werden.

Viele Kinder ernähren sich ungesund, Fettleibigkeit und frühe Zuckerkrankheit mit all Ihren Folgen sind ein wachsender Problemkreis.

Arbeitverhältnisse haben sich gewandelt, Arbeit auf Lebenszeit hat schneller wechselnden Strukturen Platz gemacht. Klar strukturierte, stabile, verlässliche Dienstzeiten sind einer neuen Flexibilität gewichen.

Wir haben auffallend mehr Kinder mit Sprachdefiziten.

Zuwanderung ist Alltag, verschiedene Kulturen prallen aufeinander.

Der Wettbewerb ist heute weltweit.

Das Bildungsideal des vergangenen Jahrhunderts hat sich überlebt. Die Halbwertszeit des Wissens sinkt rasant. Neues Können ist verlangt und damit auch ständig neue Fertigkeiten.

Die Geburtenrate sinkt, wenn auch nicht in allen europäischen Ländern im selben Ausmaß.

Im Vergleich mit anderen Staaten sind in Österreich nach wie vor weniger Arbeiterkinder an den Universitäten.

Natürlich haben wir viele problemlose Kinder, aber wir haben immer mehr Kinder, die andere Antworten  und vor allem einen ganzheitlichen Ansatz brauchen. Kinder brauchen Verlässlichkeit, klare stabile Strukturen, Vorbilder und vor allem auch die Gemeinschaft mit anderen Kindern.

Wir haben vielfältigste und kaum überschaubare Hilfen und Möglichkeiten zur Betreuung und Stützung  von Schulkindern, die mehr oder weniger Geld kosten. Oft aber zu Zeiten, die nicht die tatsächlichen Bedürfnisse abdecken. Je bildungsferner und armuts­bedrohter Eltern sind, umso weniger finden sie sich in einem komplizierten Hilfssystem zurecht und nehmen dieses auch in Anspruch.

Die vielfältigen Beratungssysteme haben oft zu wenig Personal, sind zuwenig miteinander koordiniert, haben kaum ganzheitliche Konzepte und klar definierte Verantwort­lichkeiten. Sie sind außerdem  zu wenig in den praktischen Schulalltag integriert.

Der veränderten, flexiblen Gesellschaft muss ein offenes aber ganzheitliches und umfassendes System zur Seite gestellt werden, das im Stande ist, die Problem der Kinder und Eltern besser als bisher zu lösen. Sicherheit für Eltern und Kinder wird auch den Wunsch nach Kindern wieder wachsen lassen und eine Stütze für Partnerschaft und Ehe sein. Viele Länder in der europäischen Union zeigen uns erfolgreiche Wege auf.

Die Vermeidung einer zu frühen Selektion würde helfen, die Intelligenzreserven unseres Landes zu aktivieren, Fehlentscheidungen hintan zuhalten, Berufswege offener zu gestalten und die psychische Stabilität unserer Kinder zu stärken.

Das Öffnen aller unserer Schulen für ganztägige Betreuung, verbunden mit dem Einsatz von Personal mit ergänzenden Qualifikationen, würde den Druck von unseren Lehrern nehmen, für jedes Problem mit Schülern und Eltern alleine zuständig zu sein. Es würde den Eltern die Sicherheit geben ein Kompetenzzentrum für das Heranwachsen und die Bildung ihrer Kinder zu haben.

Wie könnten  Schulen sich weiterentwickeln?

Die Schule öffnet ihre Tore am Morgen für Kinder, die dies brauchen. Es gibt Frühstück, Morgensport, Morgengebet und die Möglichkeit, sich auf den Unterricht vorzubereiten.

Dann erst beginnt der Unterricht für alle Kinder, die möglichst individuell lernen, am besten in jahrgangsgemischten Gruppen. Mittags, spätestens aber nach 4 Unterrichtseinheiten gibt es für alle Schüler, für Erzieher und Lehrer einen gemeinsamen Mittagstisch mit gesunder Ernährung!

Es sollt immer möglich sein mit einzelnen Gruppen das Schulhaus zu verlassen in der Welt draußen zu lernen.

Kinder, deren Unterrichtsangebote zu Ende sind können nach Hause gehen, für Kinder, deren Eltern dies wünschen, gibt es zusätzliche Lern- und  Freizeitangebote. Dem Schulsport, der Musikerziehung und dem Theaterspiel wird ein hoher Stellenwert beige­messen.

Es gibt einen von Lehrern, Erziehern, Freizeitpädagogen und Eltern beschlossenen Sanktions­katalog für regelwidriges und unsoziales Verhalten. Probleme mit Eltern und Schülern, aber auch Lehrern, werden an der Schule gelöst, in enger Zusammenarbeit mit Sozialarbeitern, der Jugendwohlfahrt .

Die Anmeldung zur Ganztagsschule bedeutet nicht, dass sie von den Kindern jeden Tag verbindlich über den gesamten Zeitraum genützt werden muss. Eltern haben unterschiedliche Dienstzeiten und es soll keine Möglichkeit ungenutzt bleiben, die Eltern mit ihren Kindern verbringen können. Natürlich müssen auch dafür Regeln am Schulstandort entwickelt werden. Die Ganztagsschule ist für armutsgefährdete Kinder kostenlos. Sie kann in Zusammenarbeit mit der Jugendwohlfahrt angeordnet werden. Erst am Abend schließen sich die Tore der Schule.

Schulen mit ähnlichen Konzepten gibt es in Kanada, in Irland, in Finnland, in Schweden. Schulen diese Art bieten jenen Rahmen, den es braucht um Wissensvermittlung, Erziehung und Sozialisierung gleichwertig umsetzen zu können. Sie geben verläßliche Antworten für Eltern und Schüler. Sie lassen Lehrer nicht allein „im Regen stehen“ oder bürden ihnen Arbeiten auf, für die sie überqualifiziert oder nicht ausgebildet sind. Schulen dieser Art sind Orte der Begegnung, an denen erfahren werden kann, dass man nicht allein auf der Welt ist, sondern von einer Gemeinschaft gestützt wird.

Verändern heißt „in harten Brettern bohren“ – mit Leidenschaft und Augen­maß. Verändern heißt Mühen auf sich nehmen. Sobald man weiß, wohin man will und warum, ist das Wichtigste geschafft.

Alle Kinder haben Talente, sie zu finden ist unsere Aufgabe

Ein Beispiel der Veränderung sind die „Ateliers“ an unserer Schule

Die Fülle der Talente finden am Beispiel der Ateliers in der
Nikolaus Lenau-Schule Gmunden

Wir möchten gerne eine Entwicklung in Gang  setzen, die Kinder und im Besonderen solche mit Behinderungen, dazu befähigt alle ihre Talente und Entwicklungsmöglichkeiten auszuschöpfen. Meine Schule will dazu auch gelebte Integration  ermöglichen. Die Begabungen der Kinder liegen sehr oft nicht nur im Kognitiven, sondern ebenso in musischen, handwerklichen oder auch sozialen Bereichen.

Ich möchte diese Ateliers  kurz beschreiben:

Dabei haben die Kinder aller Klassen – bunt gemischt nach Jahrgängen, Stärken und Schwächen –  die Möglichkeit vielerlei auszuprobieren und kennen zu lernen; z. B. Reiten, Schwimmen, Malen, physikalische Experimente, Theater, Musik und Tanz, Bewegung im Freien, Kochen, Heimat erforschen, Klettern.

Die Ateliers finden an 18 bis 20 Tagen in jedem Schuljahr statt und dauern jeweils drei Stunden.
In den meisten Fällen helfen auch Eltern mit.

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