„Dann hätte mein Leben, glaube ich, einen Sinn“

Dr. Waltraud Barnowski-Geiser, Musiktherapeutin, Kreative Leibtherapeutin

Frau Dr. Barnowski-Geiser, der Titel unseres Interviews ist ein Satz vom 11-jährigen Felix aus Ihrem Buch. Wir stecken viele Kinder in die “ADHS-Schublade”. Ist das gesellschaftlich gesehen nicht ein trauriges Spiegelbild unserer Gesellschaft?

Waltraut Barnowski-Geiser:
Ich erinnere mich sehr an die Arbeit mit Felix, der mich in seiner feinsinnigen Hochsensibilität mit seiner großen Klugheit, aber auch in seinem Ausmaß an allein gelassen Sein sehr berührt hat – all dies hatte den Stempel „ADHS“ erhalten. Das war falsch und traurig, natürlich auch im Blick auf unsere Gesellschaft – Gesellschaft sind für Kinder vor allem die Menschen, die sie unmittelbar umgeben. Felix wurde im frühesten Kindesalter emotional allein gelassen von einer überforderten Mutter, und einem Vater, der nur noch irgendwie mit der familiären Existenzsicherung beschäftigt war. Felix wurde schon in der Grundschule gewalttätig, hochgradig unruhig und aggressiv. Fehlende haltende Bindungserfahrungen, fehlender Platz für seine Emotionen, etwa die Trauer über die nicht bekommene Mutterliebe, führte dazu, dass er sich nicht mehr spüren wollte, Gefühle durch Gefühllosigkeit ersetzte, seine Sinne und letztlich sich nicht mehr wahrnehmen wollte, so seinen „Sinn“ verlor.

Diagnose ADHS. Sehr oft wird eine Diagnose ohne eine gründliche Abklärung gestellt – oft auch durch Nicht-Fachleute. Wer sollte denn überhaupt eine Diagnose stellen und wo setzt man die Grenze zwischen “krank” und “gesund”?

Waltraut Barnowski-Geiser:
Professionalisierte Diagnosestellung ist natürlich wünschenswert, aber diese erfordert nach meinen Erfahrungen einen deutlich breiteren Blick als es klassische Diagnosesysteme bislang hergeben. Die so wichtige Innenwelt von Kindern, ihr inneres Erleben wird tragischer Weise außen vor gelassen. Aber was bewegt die Kinder wirklich, was speist ihre Unruhe, was hat das mit ihrem konkreten Leben zu tun, welches Coping ist in diesem kindlichen Verhalten enthalten

Das Kind erhält die Botschaft, es sei krank. Es definiert sich dann z.B. nicht als besonders temperamentvolles, sondern als krankes Kind. Welche Gefahren birgt denn hier eine falsche Diagnose?

Waltraut Barnowski-Geiser:
Natürlich neben der mit der Zuschreibung „krank“ verbundenen erhofften Hilfe große Gefahren. Die Einsicht: „Ich bin falsch, ich bin nicht richtig, ich brauche Psychopharmaka oder Suchtmittel, um anerkannt und richtig zu sein“: bildet eine Brücke ins Leben, zwischen dem Kind und den anderen, eine soziale Verheißung, die tragisch sein kann. Selbstvertrauen droht ersetzt zu werden durch Anpassungspille – Diese Erfahrung kann bestimmen, wie ein Kind künftig in die Welt gehen wird, mit welchen Gefühlen es anderen Menschen begegnet und, wenn sie dauerhaft und wiederholt gemacht wird, wird diese Erfahrung doch auch neuronal verankert Ich habe in meiner Praxis zahlreiche Kinder erlebt, die lange Zeit medikamentös beruhigt wurden: sie waren tatsächlich still, aber tragischer Weise nicht mehr beziehungsfähig: sie schienen mit der Pille schlichtweg verlernt zu haben, wer sie sind, was sie fühlen und wollen, ihr innerer Ort der Bewertung schien verloren gegangen – also angepasst, aber nicht mehr vorhanden – schlimmer geht’s nimmer!

Immer mehr Kindern wird Ritalin® oder ein ähnliches Medikament verabreicht. Da kann das Kind kaum umhin, zu verstehen: “Erträglich bin ich nur, wenn ich Pillen schlucke.” Welche Therapiealternativen gibt es?

Waltraut Barnowski-Geiser:

Wir haben in unseren Arbeiten und Befragungen sehr gute Erfahrungen mit kreativen Verfahren gemacht. Eine Therapie, die über Worte hinausgeht, die Spielräume und Veränderung erfahrbar macht, eröffnet völlig neue Möglichkeiten, sich der inneren Welt der Kinder zu nähern. Nach meinen Erfahrungen sind Musiktherapie und Beziehung ein unschlagbares Duo! Oftmals werden Beziehungskonflikte, wie im Beispiel eben in der Familie, aber auch in der Klasse, mit dem Lehrer usw. zu einem Spannungspotenzial für Kinder, das sie ängstigt. Bleiben diese Probleme unausgesprochen oder tabuisiert, versetzt es sie in höchste Erregung – sie werden sehr unruhig oder ziehen sich in sich zurück. Eltern sind unersetzlich: Eltern, die den Kontaktfaden halten und sichern, haben die tägliche Chance der Veränderung – manchmal brauchen die darin Hilfe und Unterstützung, etwas, wenn sie das als Kinder selber nicht erfahren haben. Eltern und Lehrer können würdigen und retten, aber auch beschämen und entwerten und vernichten. Das Kind nur als „hyperaktiv“ einzustufen, wird ihm wenig gerecht- es kann entwürdigend sein.

Zum Schluss unseres Gespräches noch ein Satz eines Jungen aus Ihrem Buch: “Rettet den bedrohten Ole”. Was sollen Eltern und Lehrer eines betroffenen Kindes beachten, bzw. vermeiden?

Waltraut Barnowski-Geiser:
Mach ich es mal kurz und prägnant.
Vermeiden: dreimal A:
Abstempeln
Allein lassen
Abwerten
Beachten: Zuneigung und echtes Interesse zeigen, offene Ohren haben, besonders auch für den im Kind verborgenen Subtext, seine Innenwelt, ganz und gar da sei und: immer wieder gut für sich selbst sorgen. Spannung und Druck abbauen hilft – auch den Kindern.

(Das Interview führte Peter Schipek)


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.