Die aktuelle Situation

Die Kinder werden zu früh in Leistungsdenken gepresst, zu früh verschult, durchaus gut gemeinte Frühförderung artet in Überforderung aus. Viele Mütter fungieren nur mehr als „Taxi Mom“ und regeln die Termine ihrer Kleinen. Computer und Englisch für Vorschulkinder, Ballett, frühkindliche Musikerziehung, Fußball, Klettern, usw. – die Devise lautet, dem Kind eine „möglichst breite Basis“ mitzugeben.

Doch die wissenschaftliche Forschung und auch die Praxis zeigen immer deutlicher: Die wichtigste Basis geben die Eltern mit und – die Zeit, die die Eltern mit den Kindern in einer guten Weise verbringen. Was heißt „gute Weise“? Die Fachleute sind sich einig, dass „absichtslose, unverplante“ Zeit wichtig ist. Statt dem dritten Förderkurs in der Woche zumindest an einem Nachmittag lang einfach schauen, was sich ergibt. Eine Spielidee entstehen lassen und das am besten gemeinsam in der Natur und ohne Programm, Zeit- und Leistungsdruck. Einfach KIND SEIN DÜRFEN.

Letzteres gilt auch bei Volksschulkindern, jedoch mit dem Zusatz, dass sie freie Zeit mit Gleichaltrigen verbringen dürfen und nicht ständig unter Termindruck und unter Aufsicht sind. Im angelsächsischen Raum haben sich mittlerweile die Begriffe „Paranoid Parents“ und „Helicopter-Mums“ – ständig über den Kindern kreisend – etabliert.

Um erst gar kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Es geht hier in keiner Weise um eine politische oder ideologische Auseinandersetzung oder um das Brandmarken berufstätiger Frauen. Es geht darum, unser Bewusstsein dahingehend zu schärfen, dass Kinder für eine gute Entwicklung freie Spielzeit, freie Natur und elterliche Zuwendung brauchen.

NaturpädagogInnen und namhafte VertreterInnen der modernen Hirnforschung weisen schon seit längerem darauf hin, dass für die Gehirnentwicklung und die Ausbildung der Synapsen Bewegung und Spiel in der Natur unumgänglich sind. Nur so können motorische, sprachliche und soziale Kompetenz erlangt und die Basis für Konzentrationsfähigkeit und Lernfähigkeit durch Neugierde gelegt werden.

Kinder unter Daueraufsicht, die immer nur an der Hand von Erwachsenen umhergeführt werden, gleichen Haustieren, Stalleseln, die das Leben in der Freiheit nicht mehr kennen. Aus der Hirnforschung wissen wir, dass unter diesen Bedingungen die Ausreifung des Gehirns nicht optimal gelingt. Das Gehirn bleibt eine Kümmerversion dessen, was daraus hätte werden können […]. Denn das ist kindliches Spielen: gemeinsam Dinge gestalten, die nicht von Erwachsenen vorgeschrieben sind. Es gibt auch Kindergärten, in denen das versucht wird, beispielsweise die Waldkindergärten. Da müssen sich die Kinder alles selbst erfinden.“              

Gerald Hüther, Professor für Neurobiologe und Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen und des Instituts für Public Health der Universität Mannheim/Heidelberg

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