Fernseh- und Computersucht steigen

Eveline Auzinger, Betreuungslehrerin, Familientherapeutin

Immer öfter sind Eltern, Lehrer und Psychologen mit Kindern und Jugendlichen konfrontiert, die einen Großteil ihrer Freizeit vor dem Bildschirm verbringen. Sie zeigen wenig Interesse an Freunden, an der Familie, an der Schule.  Experten sprechen von zunehmendem  Suchtverhalten. Die betroffene Familie stürzt das manchmal in eine tiefe Krise. Die Wurzeln für derartige Fälle liegen meist schon im Kindergarten- oder Volksschulalter, erklärt Eveline Auzinger, Dipl. Pädagogin, als Beratungslehrerin für verhaltensauffällige Kinder an verschiedenen Pflichtschulen, als Erziehungsberaterin, Elternbildnerin  und Familientherapeutin tätig.

Frau Auzinger, mit welchen Auffälligkeiten sind Sie in Ihrem Alltag konfrontiert?
Ich begegne häufig Kindern mit starken motorischen und sprachlichen Defiziten und geringen Sozialkompetenzen. Es fehlt ihnen oft die Gelegenheit, durch Bewegung ein Gefühl für ihren Körper zu entwickeln. Infolge des übermäßigen Bildschirmkonsums reduziert sich die Kommunikation in der Familie auf ein Minimum. . Und – sie können oft nicht einmal mehr richtig spielen.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Kinder lernen in den ersten Jahren am meisten  durch Vorbilder. Das heisst, wir müssen nachdenken, was präsentieren wir ihnen, was leben wir ihnen vor? In welcher Geschwindigkeit zeigen wir ihnen die Welt, welche Reize, welche Inhalte vermitteln wir. Zweidimensional, das heisst über einen Bildschirm, können die Kinder die Welt nicht verstehen, nicht begreifen, wie groß oder klein zum Beispiel etwas in Wirklichkeit ist. Oft verbringen die Kinder aber viel zuviel Zeit genau vor jenen Bildschirmen, die Ihnen in mehrfacher Hinsicht eine falsche Realität vermitteln.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen übermäßigen Bildschirm/ PCspielkonsum und Gewaltbereitschaft?
Natürlich. Ich bin übrigens überzeugt davon, dass es einen Zusammenhang zwischen Gewalt in den Medien und zunehmend auffälligen Kindern und Jugendlichen gibt. Joachim Bauer  sagt z. B. ” Warum soll das Gehirn gerade dann eine Lernpause machen, wenn das Kind vor dem Bildschirm sitzt?”

Was also raten Sie Eltern? Was brauchen Kinder?
Eine ebenso schwierige wie wichtige Frage. Ich würde sagen: Liebe und Achtsamkeit aber auch Verantwortung übernehmen und einen Mut, Grenzen zu setzen.  Das bedeutet vor allem Zeit fürs Zuhören, für Auseinandersetzungen, das Ernstnehmen von Gefühlen und Bedürfnissen. Dazu müssen aber die Erwachsenen selbst erst einmal ihre Gefühle und Bedürfnisse kennen. Das ist oft schwierig in unserer hektischen Zeit. Schön wäre, den Kindern regelmässig „absichtslose Präsenz“ zu geben – das heisst, einfach dasein, etwas entstehen und laufen lassen. Beziehung statt Erziehung. Wichtig ist auch, den Kindern Orientierung und Halt zu geben.

In welcher Weise?
Zum Beispiel, überlegen, welche Werte will und kann ich meinem Kind mitgeben. Das heisst aber, dass sich Mutter und Vater erst einmal klar darüber werden müssen, welche Werte sie ihren Kindern vermitteln wollen und sie das dann auch vorleben . – Falls diese Vorstellungen auseinandergehen, müssen sie natürlich zuerst eine Übereinstimmung finden. Das bedeutet wieder, dass man sich Zeit zum Reden nehmen muss und daran scheitert es halt dann oft. Es würde aber in letzter Instanz nicht nur dem Kind nützen, sondern wahrscheinlich auch der Beziehung der Eltern.

Frau Auzinger, gibt es – was verhaltensauffällige Kinder angeht – ein Stadt-Land-Gefälle?
Landkinder haben eventuell den Vorteil, dass es noch mehr Zusammenhalt zwischen Familien, Nachbarn und Freunden gibt, ev. ein stärkeres soziales Netz. In der Stadt spielt oft  die Vereinsamung der Familie, die starke Individualisierung der Menschen, die Anonymität eine negative Rolle.


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