Psychogefahr Kinderkrippe

Mit der “dunklen Seite der Kindheit” beschäftigt sich der deutsche Kinder- und Jugendarzt mit Schwerpunkt Neuropädiatrie Rainer Böhm in einer Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – und meint damit die Betreuung von Säuglingen und Kleinkindern in Kinderkrippen. Langzeitstudien aus den USA zeigen alarmierende Spätfolgen auf. Und eine Wiener Studie weist extrem erhöhtes Auftreten des Stresshormons Cortisol bei den Kindern auf.

Auszüge aus dem Text:

“Je mehr Zeit kumulativ Kinder in einer Einrichtung verbrachten, desto stärker zeigten sie später dissoziales Verhalten wie Streiten, Kämpfen, Sachbeschädigungen, Prahlen, Lügen, Schikanieren, Gemeinheiten begehen, Grausamkeit, Ungehorsam oder häufiges Schreien. Unter den ganztags betreuten Kindern zeigte ein Viertel im Alter von vier Jahren ein Problemverhalten, das dem klinischen Risikobereich zugeordnet werden muss. Später konnten bei den inzwischen 15 Jahre alten Jugendlichen signifikante Auffälligkeiten festgestellt werden, unter anderem Tabak- und Alkoholkonsum, Rauschgiftgebrauch, Diebstahl und Vandalismus. Noch ein weiteres, ebenfalls unerwartetes Ergebnis kristallisierte sich heraus: Die Verhaltensauffälligkeiten waren weitgehend unabhängig von  der Qualität der Betreuung. Kinder, die sehr gute Einrichtungen besuchten, verhielten sich fast ebenso auffällig wie Kinder, die in Einrichtungen minderer Qualität  betreut wurden. Grundsätzlich zeigte sich aber, dass das Erziehungsverhalten der Eltern einen deutlich stärkeren Einfluss auf die Entwicklung ausübt als die Betreuungseinrichtungen.”

Cortisol wie Manager unter Extremanforderungen

”Dank einer neuen Technik konnten Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten Ende der neunziger Jahre bei Kleinkindern in ganztägiger Betreuung in zwei Daycare Centers erstmals das Tagesprofil des wichtigsten Stresshormons Cortisol bestimmen. Entgegen dem normalen Verlauf an Tagen im Kreis der Familie – hoher Wert am Morgen und kontinuierlicher Abfall zumAbend hin – stieg die Ausschüttung des Stresshormons während der ganztägigen Betreuung im Verlauf des Tages an – ein untrügliches Anzeichen einer erheblichen und chronischen Stressbelastung.  

Jene Cortisol-Tagesprofile, wie sie bei Kleinkindern in Kinderkrippen nachgewiesen wurden, lassen sich am ehesten mit den Stressreaktionen von Managern vergleichen, die im Beruf extremen Anforderungen ausgesetzt sind. Bei Kindern liegen die Hormonwerte weit jenseits der milden und punktuellen Aktivierungen des Stresssystems, die als entwicklungsförderlich anzusehen sind. Vielmehr muss in der chronischen Stressbelastung eine Ursache dafür gesehen werden, dass Krippenkinder häufiger erkranken. Sie leiden nicht nur öfter an Infektionen, sondern auch an Kopfschmerzen oder immunologischen Störungen wie Neurodermitis.”


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