Wachsendes Problem “Verwahrlosung”

Verwahrlosung (Vernachlässigung) in der Kindheit ist zumindest vergleichbar schwerwiegend wie körperlicher oder sexueller Missbrauch für die weitere Zukunft der Kinder. Verwahrlosung findet aber kaum Beachtung in der Öffentlichkeit. Dabei ist nicht nur von körperlicher oder hygienischer Verwahrlosung im herkömmlichen Sinn die Rede, sondern von geistig, psychisch, seelischer Verwahlosung. Klaus Schmitt, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, zu den dramatischen Folgen.

Es wird davon ausgegangen, dass eines von zehn Kindern in der westlichen Welt “verwahrlost“ ist, fünf bis zehn Prozent der Mädchen und bis zu fünf Prozent der Buben sexuell missbraucht werden, vier bis sechzehn Prozent der Kinder körperlich misshandelt werden.

Die offiziell bekannten Daten liegen bei maximal bei einem Zehntel dieser Zahlen. Die psychologischen Folgen stehen in Relation zur Häufigkeit und Schwere der oben angeführten Formen der Misshandlung:
Somatische Symptome (psychosomatische Erkrankungen),
Übergewicht, Essprobleme,

Beeinträchtigung der mentalen Entwicklung, Schulprobleme..

        Alkohol- und Drogenprobleme

        Riskanteres Sexualverhalten

        Kriminelle Handlungen

        Erhöhte Todes- und Selbstmordraten

Diese drastischen Langzeitfolgen zeigen auf, dass präventive und therapeutische Strategien und Maßnahmen ab der frühen Kindheit unabdingbar sind.

Zwei Studien basieren auf Berichten von Opfern, die alt genug waren, um auf Umfragen zu antworten. Eine dritte wurde über offizielle Opferstatistiken erstellt. (Polizei, Kinderschutzgruppen..)

Natürlich sind derartige Statistiken nicht perfekt. Bias und Ungenauigkeiten sind anzunehmen.

Kinderschutzgruppen berichten etwa von einem Zehntel der Fälle, die sich bei Opfer- und Elternbefragungen ergeben.

Es wird aber davon ausgegangen, dass die Zahlen eher noch höher liegen!!

Risikofaktoren sind:

            Niedrigerer sozialer Status

            Mentale Beeinträchtigungen in der Familie

            Niedriger Bildungsgrad

            Alkohol und Drogenmissbrauch der Eltern

            Eltern wurden selbst misshandelt…

Entwicklungen im letzten Jahrzehnt

Körperliche und sexueller Missbrauch eher rückläufig. Diese Themen haben bereits entsprechende öffentliche Beachtung gefunden.

Todesfälle Kinder unter 15 Jahren – 155000 weltweit, davon 1/3 Selbstmorde

Alltag in der Kinderklinik:

Die Sensibilität für die Erfassung psychischer Begleitsymptome bei den Kinder- und Jugendärzten hat zugenommen. Bei 10 bis 20 Prozent der Aufnahmen (vor allem Mädchen) werden psychosomatische Probleme diagnostiziert. Schwere Fälle werden auf der Abteilung für ‚Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt. Für den Rest gibt es praktisch keine ambulanten Ressourcen. Psychotherapeuten in der freien Praxis haben meist keine Kassenverträge. Für viele sind die Behandlungen nicht leistbar. Gelebte Zweiklassenmedizin!!!

Gleiches gilt für Kinder mit Entwicklungsstörungen und Beeinträchtigungen. Auch hier gibt es Defizite in der Betreuung. Es gibt therapeutische Fenster, in denen die Behandlung optimale Ergebnisse liefert. Werden diese Zeiträume nicht genützt, dauern Therapien länger, bzw. bringen sie nicht mehr die wünschenswerten Ergebnisse. Aus diesem Grund sind auch Rehabilitationseinrichtungen so wichtig. Unmittelbar nach dem Aufenthalt auf Intensivstationen muss das Rehabilitationsprogramm einsetzen.

Kosten?

Ist es Therapie oder Prävention? Bei Kinder sicherlich beides. Therapien im Kindesalter haben präventive Wirkung über einen langen Zeitraum. Der individuelle Nutzen dieser Therapien ist im Vordergrund. Der volkswirtschaftliche Nutzen schwer abschätzbar, aber als sehr hoch einzuschätzen.

Der Bevölkerungsanteil der Kinder und Jugendliche bis zum 18.ten Lebensjahr liegt in Österreich bei 17 – 18 Prozent. Die Gesundheitskosten für diese Altersgruppen machen 5 – 6 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben aus. Der Nutzen einer frühen Behandlung für die Betroffenen kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Der volkswirtschaftliche Nutzen sicherlich auch.

Kindesmisshandlungen bedeuten nicht nur ein schwerwiegendes medizinisches Gesundheitsproblem sondern auch eine grobe Verletzung der Menschenrechte. Kinder- rechte sind in der UN Konvention niedergeschrieben. Im Sinne der Gesundheitsökonomie sind epidemiologische Studien, präventive Strategien, Berechungen der Kosteneffizienz zu planen und rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Mit dem Ziel, die Prävalenz der Misshandlungen und Verwahrlosungen zu reduzieren.

Quellen:

Leeb et.al: Child maltreatment surveillance. Uniform definitions for public health and recommended data elements. Altlanta: Cente rof Disease Control and Prevention, 2008

Butchard et al.:Preventing child maltreatment:a guide to taking action and generating evidence. Geneva: WHO and International Society fort he Prevention of Child Abuse and Neglect, 2006

US Department and Health and Human Services. Administration on Child youth and Families. Child Maltreatment 2006.Washington DC: US Government Printing Office. 2008

Fergusson DM, et al.: Childhood sexual abuse-an evidence based perspective. Thousand Oaks:Sage 1999

Literatur:

Waters H. et al. The economic dimensions of interpersonal violence. Geneva: World Health Organization

Waters HR, et al.: The costs of interpersonal violence- an international review. Health Policy 2005;73:303-15.

Heckmann JJ. Skill formation and the economics of investing in disadvanteged children. Science2006;312:1900-02.

Corso PS et. Al.The need for economic analysis in research on child maltreatment. Child Abuse Negl 2006;30:727-38

Univ. Prof. Prim.Dr.Klaus Schmitt ist Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde und Leiter der Landeskinderklinik Oberösterreich.


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